FAKULTÄT II - Kriminalwissenschaften - nähere Informationen

Wenn sich ein Außenstehender überlegen sollte, was denn wohl ein werdender Polizei- oder Kriminalkommissar alles studieren muss, um seinen Beruf gut auszuüben, denkt er sicher nicht zuletzt an die Kriminalwissenschaften. Kriminalistik und Kriminologie sind dann auch der Beitrage der Fakultät II, für den künftigen Berufsweg der Studierenden. Während sich die Kriminalistik mit den taktischen und technischen Möglichkeiten zur effektiven und effizienten Bekämpfung der Kriminalität sowie der Aufklärung von Straftaten im Einzelfall befasst, stellt die Kriminologie eher generelle Fragen nach der Entstehung und Entwicklung von Kriminalität.

Ein eigenständiger kriminalwissenschaftlicher Studiengang wird nicht angeboten. Eine Frage, die immer wieder an uns gerichtet wird.

Die strukturellen Veränderungen in der Polizei, vor allem die weitreichende Ermittlungskompetenz der Schutzpolizei und die damit verbundene Neustrukturierung des Studiums, hatten in jüngerer Zeit auf die Vorlesungen erhebliche Auswirkungen. Erfolgten über zwei Jahrzehnte hinweg die Vorlesungen für die Schutz- und die Kriminalpolizei getrennt, so werden diese heute im Pflichtteil zusammengefasst. Dabei finden Berufsanfänger und "alte Hasen" im selben Hörsaal zusammen. Alle zu interessieren, dabei die einen zufrieden zu stellen und die anderen nicht zu überfordern, ist eine Herausforderung, der es gerecht zu werden gilt indem verstärkt auf Methodenkompetenz abgestellt wird. Reines Faktenwissen wird zunehmend auf elektronischem Wege verfügbar gemacht. So kann jeder Studierende dem individuellen Wissensstand entsprechend seine Lücken schließen.

Die heterogene Zusammensetzung der Lehrveranstaltungen, deren Teilnehmer bis zum Studium unterschiedlichste Berufswege haben, birgt aber auch den Vorteil, dass breites Erfahrungswissen eingebracht wird und so Synergieeffekte entstehen. Unterstütz wird dies durch die Vielfalt der Lehrmethoden, die neben der klassischen Vorlesung, Gruppen- und Projektarbeiten sowie Seminare umfassen. Es ist unser Anliegen, dass die Studierenden auf diesem Weg en passant ein klein wenig selbst zu Lehrenden werden. Auch dass ist eine Facette des polizeilichen Berufsbildes.

Neben den traditionellen, eng mit den Rechtswissenschaften abgestimmten Grundlagen der Kriminaltaktik, bestehend aus Verdachtslehre, Personalbeweis, Fahndung und Informationssystemen, werden heute allen Studierenden Themen wie die Fallanalyse, die Bildung von Tat-/Täterhypothesen und die Arbeit in Ermittlungsgruppen oder Sonderkommissionen dargeboten. Daneben werden Kenntnisse zu einzelnen Deliktsbereichen in Abhängigkeit der aktuellen Kriminalitätslage und Rechtsentwicklung vermittelt. Dies findet in Abstimmung mit den Inhalten der Psychologie statt. Spezialthemen, wie z. B. die Brandermittlung oder Wirtschaftskriminalität bleiben dagegen den Schwerpunktstudien vorbehalten, die mit Einführung des Bachelorstudienganges in Wahlmodule übergehen.

Die ebenfalls als eigenständiges Fach ausgewiesene Kriminaltechnik sollen die Studierenden als eine empirische, wissenschaftliche Disziplin kennen lernen und verstehen, welche die Erkenntnisse der Natur-wissenschaften, der Rechtsmedizin, sowie der technischen Entwicklungen interdisziplinär zur Aufklärung polizeirelevanter Ereignisse einsetzt. Die Bedeutung des Erkennungsdienstes, verschiedene Spurenarten, deren Sicherung bei Verkehrsunfällen und in vielen Deliktsfeldern bis hin zu Sexualdelikten oder Todesermittlungen, bilden die Inhalte. Das Erkennen von falschen  Personaldokumenten und Digitale Spuren gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Über die Lehre i. R. des Studiums hinaus bieten die Mitglieder der Fachgruppe das alljährliche Internationale Seminar für Kriminaltechnik an. Durch intensive Zusammenarbeit mit den Rechtsmedizinern der Universitäten Baden-Württembergs, dem Landeskriminalamt, dem Bundeskriminalamt und Fachfirmen wird in diesem viel beachteten, grenzüberschreitenden  Forum der technischer Weiterentwicklungen  Rechnung getragen.

Kriminaltaktisch wie –technisch besteht die größte Herausforderung darin, die Lehrinhalte ständig der rasanten Entwicklung der Elektronik und Computertechnologie anzupassen, die gleichermaßen neue Deliktsformen wie Ermittlungschancen mit sich bringt.

Der kriminologische Part des Studiums an der Hochschule für Polizei soll den Studierenden über ihre beruflichen Alltags- und Einzelfallerfahrungen hinaus Hintergrundinformationen zu den verschiedenen Erscheinungsformen von Kriminalität allgemein und der konkreten Straftat im Besonderen vermitteln, sowie den Blick auf die größeren Zusammenhänge richten, in denen "Strafverfolgung" stattfindet. Die gesellschaftlichen, sozialen und psychologischen "Ursachen", Bedingungs-zusammenhänge und Gründe der verschiedenen Erscheinungsformen von Kriminalität werden dabei ebenso aufgegriffen wie der je spezifische Umgang der Gesellschaft mit Kriminalität und mit dem "Kriminellen". Zugleich sollen die Studierenden aber auch befähigt werden, im Einzelfall den "Täter in seinen sozialen Bezügen" im Hinblick auf seine kriminologischen Gefährdungslagen und seine kriminelle Gefährlichkeit einzuschätzen. Es geht also im mehrfachen Sinne des Wortes um "Angewandte Kriminologie". Dabei spielen soziologische Aspekte eine maßgebliche Rolle. Dem wurde im neuen Bachelorstudiengang Rechnung getragen, indem die Fächer Kriminologie und Soziologie zusammengeführt werden.

Die  Vorlesungen im Grundstudium I und II sind auf eine systematische Wissensvermittlung ausgerichtet: Gleich zu Beginn des Studiums wird den Studierenden mit dem Themenschwerpunkt "Verbrechen und Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen" vor Augen geführt, dass die polizeilich bzw. amtlich registrierte Kriminalität bereits das Produkt eines vorausgegangenen vielschichtigen Bewertungs-, Herstellungs- und Ausfilterungsprozesses durch Opfer, Zeugen, Umfeld usw. ist, der sich auf der Ebene der staatlichen Strafverfolgung durch die Bewertungen und Entscheidungen der Strafverfolgungsorgane nicht nur im Rahmen rechtlicher Vorgaben, sondern auch durch die jeweilige "Definitionsmacht" der Entscheidungsträger fortsetzt. Neben den Möglichkeiten und Grenzen von Aussagen auf der Basis von Kriminalstatistiken, insbesondere der Polizeilichen Kriminalstatistik, werden auch die Methoden und Ergebnisse der Dunkel-feldforschung sowie jener zur Kriminalitätsfurcht beleuchtet. Im Zentrum des Grundstudiums stehen jedoch die Erscheinungsformen und die Erklärungsansätze zur Kriminalität einzelner Bevölkerungsgruppen, insbesondere von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, von Migranten mit anderem kulturellen Hintergrund, von Randgruppen und Außenseitern, aber auch die Themen "Frauen und Kriminalität" sowie "alte Menschen und Kriminalität". Einen weiteren Schwerpunkt bildet ein Überblick über kriminologische Theorien und Erklärungsansätze zum Täter in seinen sozialen Bezügen, zum Verbrechensopfer (Viktimologie), zum Einfluss von Wohnumwelt, Städtebau und Architektur auf die Entstehung von Straftaten sowie zu den Wechselwirkungen von Medienkonsum und Kriminalität. Die zentrale Frage ist dabei stets, wie diese Erkenntnisse für Maßnahmen der Kriminalitäts-kontrolle und der Kriminalprävention nutzbar gemacht, praktisch umgesetzt und die so getroffenen Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit überprüft (Evaluation) werden können.

Im Hauptstudium  münden diese Erkenntnisse im Rahmen verschiedener fächerübergreifend zu beleuchtender Szenarien in die Darstellung von Erscheinungsformen, Erklärungs-, Bekämpfungs- und Präventionsansätze einzelner Deliktsfelder wie Korruption, Gewaltkriminalität, Sexualkriminalität oder politisch motivierter Kriminalität.

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